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Grußwort und Predigten zum Holocaust-Gedenktag 2017

Ökumenischer Gottesdienst zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
am 29.1.2017 in der Darmstädter Matthäuskirche

Daniel Neumann, Direktor des Jüdischen Landesverbands Hessen und Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, hielt zu Beginn ein Grußwort, in dem er hervorhob, dass sich Juden und Christen in den letzten 50 Jahren stetig angenähert hätten. Seit der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils von "Nostra aetate"
Mitte der 60ziger Jahre hätten auch andere Kirchen ihr Verhältnis zum Judentum überdacht und zu ihm eine positive Haltung eingenommen, so z.B. die Ev. Kirche in Hessen und Nassau durch die Erweiterung ihres Grundartikels.
Auf jüdischer Seite ist diese Annäherung nach den schlimmen Erfahrungen von gut 1900 Jahren verständlicherweise nur zögernd angenommen worden. Zunehmend aber würden auch Vertreter der Rabbinerkonferenzen in Anerkennung der theologischen Unterschiede zu Dialog und Zusammenarbeit aufrufen. Judentum und Christentum hätten nach Neumann gemeinsame Werte, wie sie schon in den frühesten Erzählungen der Bibel niedergelegt seien:
Zentral sei etwa der Aufruf an alle Menschen, Verantwortung zu übernehmen, nachdem die Archetypen der frühbiblischen Zeit genau daran gescheitert seien, mithin also Lehren aus der Geschichte zu ziehen.
Ob es das Versagen Adam und Evas war, persönliche Verantwortung zu übernehmen und ihr Fehlverhalten einzugestehen oder das moralische Versagen Kains, der seinen Bruder erschlug und der damit Macht und Stärke über die zwischenmenschliche Fürsorge erhob. Schließlich Noah, der zwar vor der Flut gerettet wurde, der allerdings nicht fähig war, sich für andere einzusetzen und damit kollektive Verantwortung zu übernehmen.
Gerade mit Blick auf die verheerende Geschichte des 20. Jahrhunderts, bestehe die bleibende Herausforderung, sich gesellschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen entgegen zu stellen und Verantwortung zu übernehmen für sein eigenes Tun und für seine Mitmenschen.
Schließlich sei es - trotz aller Unterschiede - bleibende Aufgabe von Juden und Christen, Seite an Seite die gemeinsamen Werte, welche uns die Bibel lehrt, zu verinnerlichen, zu leben und zu verteidigen.
Predigt von Pfarrer Johannes Kleene (kath.)
„Im Gesprächszimmer bei mir im Pfarrhaus steht eine Kerze auf dem Tisch. Ich mache die Erfahrung: In Gesprächen, die schwierig sind, hilft es, wenn diese Kerze brennt. Eine Familie ist bei mir, in Trauer um das verstorbene Kind. Die Kerze bringt in diese Düsternis Hoffnung. Nicht nur, dass sie leuchtet. Dadurch dass sie flackert, bringt sie auch Leben in eine Situation, in der der Tod übermächtig scheint.
Als wir, Pfr. Engel und ich, in den Gottesdienst einzogen, da brannte auch hier eine Kerze und brachte Licht in eine düstere Situation. Das Bild von Auschwitz vor Augen. Auf der rechten Seite das Foto der Gefangenen. Symbol für die Hölle von Auschwitz. Für die Hölle, die die Opfer der Nationalsozialisten erleben mussten. - Wir haben diese Kerze dann gelöscht. Wir haben noch diesen letzten Halt, dieses kleine flackernde, trostgebende Licht, gelöscht. Warum?
Dunkelheit hat uns überfallen. Als ich als Schüler das KZ Ausschwitz besucht habe, da sagte unser Lehrer vorneweg: „Wir gehen jetzt einen Weg in die Dunkelheit.“ Auschwitz – ein durch und durch düsterer Ort.
Wir wissen durch viele Augenzeugenberichte, wie es dort zuging. Nicht wenige haben ihren Glauben verloren ob dieser Dunkelheit. Warum, Gott, hast Du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden?
Das ging auch mir bei meinem Besuch durch den Kopf. Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen? Wie konnte er dieses Übermaß von Zerstörung, diesen Triumph des Bösen dulden?
Gott, der im Buch Sacharja doch zu seinem Volk Israel sagt: „Wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an“.
Wie konnte er es zulassen, dass dies seinem geliebten Volk, seinem geliebten Kind, seinem Augapfel, angetan wurde?
Und natürlich denken wir auch an all die anderen, die die Hölle erleben mussten. In diesem Jahr 2017 gedenken wir besonders auch derer, die von den Nationalsozialisten als lebensunwert eingestuft und getötet wurden.
Wir können in Gottes Geheimnis nicht hineinblicken - wir sehen nur Fragmente und vergreifen uns, wenn wir uns zum Richter über Gott und die Geschichte machen wollen.
Aber schreien möchte ich: Gott, wach auf! Vergiss Dein Geschöpf Mensch nicht!
Und ich möchte aber auch schreien: Wach auf, Mensch! Warum bist Du immer noch so gleichgültig? Wie kann es sein, dass Du da mitgemacht hast. Dass Du da immer noch mitmachst? Es scheinen in unseren Tagen wieder neu dunkle Mächte aus dem Herzen des Menschen aufzusteigen.
Papst Benedikt XVI hat bei seinem Besuch in Ausschwitz gesagt: „Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als Ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; Im Tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat.
Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören - ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht, und endgültig durch den neuen, selbstgemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden.“
Die Diskussionen reißen auch heute nicht ab. Was ist lebenswert? Wo beginnt Leben, wo endet es? Wenn einer lästig ist, darf man ihn dann beseitigen? Wir müssen nach wie vor sensibel und wach bleiben! Wach auf, Mensch!

Von den Augenzeugen, denen, die Ausschwitz überlebt haben, wissen wir, dass sich nicht alle Menschen der Macht der Dunkelheit, der Macht des Bösen gebeugt haben. Sie stehen als Licht in dunkler Nacht vor uns. Jehuda Bacun erzählt von ihnen eindrucksvoll im Interviewbuch mit Manfred Lütz.
Diese Menschen rütteln unser Herz auf. Nicht zum Hass wollen sie uns bringen: Sie zeigen uns, wie furchtbar das Werk des Hasses ist. Sie wollen uns zur Einsicht bringen. Zu einer Einsicht, die das Böse als Böses erkennt und verneint; sie wollen den Mut zum Guten, zum Widerstand gegen das Böse in uns wecken. Sie wollen uns zu jener Gesinnung bringen, die sich in den Worten ausdrückt, die Sophokles der Antigone angesichts des Grauens um sie herum in den Mund gelegt hat: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.“

„Ich habe dich geschaffen“ sagt Gott im Buch Jesaja über den Gottesknecht, aber wir dürfen es auch als seine Worte zu allen Menschen guten Willens lesen, „ich habe Dich geschaffen, zum Licht für die Heiden. Dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.“
Wach auf, Mensch!

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