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Gegen Antisemitismus und Rassismus

Gedanken anlässlich einer Kundgebung am 26. Juli 2014 in Darmstadt

Von Pfarrerin Gabriele Zander, damals Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau

„Der Friede ist das Meisterstück der Vernunft“ sagte einmal Immanuel Kant. In der Debatte um den Nahostkonflikt, wie sie hierzulande geführt wird, erschreckt mich am meisten, wie emotional und erhitzt sie geführt wird, polarisierend auch. Als müsse man Partei ergreifen für eine Seite und wenn man das nicht tut und sich um Ausgleich und Wahrnehmung beider Seiten bemüht, wird einem mit Sicherheit trotzdem irgendeine Einseitigkeit vorgeworfen.

Das hat mit unserer Verstricktheit in diesen Konflikt zu tun. In einer Erklärung von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste heißt es einmal, dass der Nahostkonflikt gerne als Projektionsfläche für die eigene Vergangenheitsbewältigung missbraucht wird. Noch immer arbeiten wir uns ab an unserer eigenen Geschichte, wenn wir über die Politik Israels, über den Nahostkonflikt reden. Das zeigen zum Beispiel sehr deutlich die unsäglichen Nazi-Vergleiche, denen wir in der Nahost-Debatte immer wieder begegnen oder die Rede von den Palästinensern als „Opfer der Opfer“.

Deshalb halte ich es für dringend geboten, dass wir uns, wenn wir uns mit dem Nahostkonflikt beschäftigen zunächst Rechenschaft über unsere eigene Motive ablegen: Was ist mein Zugang und meine Motivation, mich mit diesem Konflikt zu beschäftigen? Wo in meiner Biographie ist der Ansatzpunkt für die Beschäftigung mit diesem Konflikt? Was treibt mich an?

Würden wir erstmal alle einen Schritt zurücktreten in der Debatte um diesen Konflikt, dessen Bilder uns nun tagtäglich im Fernsehen erschrecken, wäre schon einiges gewonnen, um ein Stück mehr Vernunft und Ausgewogenheit walten zu lassen.

„Die Lage ist zu verzweifelt, um sie den Verzweifelten zu überlassen“, schrieb der israelische und friedensengagierte Schriftsteller David Grossman vor zwei Wochen in der FAZ. „Derzeit sind in beiden Völkern fast ausschließlich die Propagandisten der Verzweiflung und der Feindseligkeit am Werk“, so schreibt er weiter. Und hier möchte ich auch die Hassparolen und antisemitischen Hetzsprüche, die wir letzte Woche hier in Darmstadt, in vielen anderen Städten Deutschlands und Europas hören konnten, verorten. Ich kann verstehen, dass Palästinenserinnen und Palästinenser angesichts der momentanen Lage verzweifeln und mein Mitgefühl ist mit allen, die geliebte Menschen verlieren und besonders das Sterben von Kindern und ganzen Familien muss unbedingt aufhören.

Dennoch darf es auf Demonstrationen für das Ende des Krieges und gegen den Tod vieler Unschuldiger keine antisemitischen Hassparolen geben. Dann wird nämlich der Konflikt instrumentalisiert, Gewalt gebiert neue Gewalt und der Frieden rückt in noch weitere Ferne. Palästinenser und Israelis, Juden und Araber, Juden und Christen und Muslime müssen von ihren Feindbildern abrücken, müssen aufeinander zugehen anstatt sich gegenseitig zu diffamieren.

Am 8. Mai begehen wir seit 12 Jahren in Darmstadt das Friedensgebet der Religionen. Hier verpflichten sich alle Religionen, gemeinsam für ein friedliches Miteinander in unserer Stadt einzutreten. Wenn in Darmstadt Hetzparolen gegen eine Religionsgemeinschaft gerufen werden, müssen wir wach werden, sonst werden wir den Verpflichtungen für ein friedliches Miteinander, die wir am Ende dieses Gebetes für den Frieden sprechen, nicht gerecht. Deswegen ist es gut, dass wir heute hier sind!

Vernunft und Besonnenheit ist gefragt für ein friedliches Miteinander hier in Darmstadt und auch in Nahost. Auch in Israel und Palästina gibt es Menschen, die am Dialog festhalten. Als ich in Israel lebte, habe ich eine Menge von beeindruckenden Initiativen kennengelernt, die für ein friedliches Miteinander, für eine Zwei Staaten Lösung eintreten. Zum Beispiel Givat Haviva, ein Ort der Begegnung zwischen jüdischen und arabischen oder palästinensischen Israelis im Norden Israels. Eine Ausstellung über diese Begegnungsarbeit wird gerade in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt gezeigt. In Givat Hiviva wurde ein Aufruf an die israelische und die palästinensische Regierung verfasst, die Spirale der Gewalt endlich zu stoppen und an den Verhandlungstisch zu treten:

„Sie beide, Herr Präsident, Herr Ministerpräsident, die jeweils führenden Repräsentanten Israels und Palästinas, Sie sollten alles tun, um erstens die radikalen Kräfte in Ihren Reihen zu stoppen und zweitens endlich den Menschen in Israel und Palästina den längst fälligen Frieden zu bringen. Sie haben die Macht, die Gewaltspirale auf beiden Seiten zu unterbinden und damit die Vernichtung weiterer Menschenleben, weiterer unschuldiger Kinder zu verhindern.“

In einer anderen Dialoggruppe, dem Parents' Circle, dem israelische und palästinensische Eltern angehören, die durch den Konflikt Kinder verloren haben, heißt es in einer Dialog- Veranstaltung, die vor einigen Tagen in Jerusalem stattfand: „Wir sind alle Opfer - Israelis und Palästinenser gleichermaßen. Bomben, Raketen und andere Waffen unterscheiden nicht zwischen Israelis und Palästinensern. Wir sitzen alle im selben Boot. Entweder wir kitten das Boot und bleiben auf dem Wasser oder wir gehen alle zusammen unter, Juden und Araber, Israelis und Palästinenser, Juden und Muslime.“

Heute Abend wird es eine hoffentlich große Friedensdemonstration in Tel Aviv geben, in der das Ende des Krieges und der Weg an den Verhandlungstisch gefordert werden. Hier heißt es im Aufruf: „Es gibt eine politische Lösung. Welchen Preis müssen wir, die Menschen im Süden und andere Bürger Israels und die Menschen in Gaza und der Westbank noch bezahlen bis wir zu dieser Lösung kommen? Juden und Palästinenser gemeinsam werden Besatzung und Krieg, Hass, Hetze und Rassismus überwinden und den Weg des Lebens und der Hoffnung finden.“


Die Rede wurde leicht verändert gehalten. Wir danken Gabriele Zander für die Genehmigung zur Veröffentlichung des Manuskripts.


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